Kältehilfe bei der Berliner Stadtmission
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Unser Tauschringmitglied Elfriede Weiß bei der Kältehilfe der Berliner Stadtmission

 

 

 

 

 

Berlin bei Nacht

In Berlin leben etwa 11000 Menschen ohne Wohnung! Was machen Obdachlose im Winter, wenn sie keinen geschützten Platz zum Schlafen haben? Gut dass es die Kälte-Hilfe der Berliner Stadtmission in den Wintermonaten gibt!

 

10 Tage habe ich mit vielen anderen Ehrenamtlichen von ganz Deutschland über die Weihnachtsfeiertage mitgearbeitet. Das Projekt „Berlin bei Nacht“ in der Notübernachtung Lehrter Strasse 68 werde ich so schnell nicht vergessen!
Während Berlin im festlichen Lichterglanz erstrahlte, habe ich die Schattenseite der Metropole hautnah erlebt.

Notunterkunft
Schon um 16.00 Uhr versammeln sich die ersten Obdachlosen vor der Tür der Notübernachtung, obwohl erst um 21.00 Uhr geöffnet wird. Vor der Türe sorgen Mitarbeiter für Ordnung, oft gibt es Gedränge und Zoff, deswegen ist immer ein professioneller Security-Mitarbeiter dabei. Trotz-dem muss ab und zu die Polizei einschreiten.
Drinnen werden die „Gäste“ auf Waffen und Drogen untersucht und das Gepäck (oft alles was sie besitzen) wird eingeschlossen, damit nichts geklaut wird.
Dann gibt es ein warmes Essen mit Salaten, Dessert, Brot Kuchen und Tee. Für viele ist es die einzige nicht nur warme Mahlzeit am Tag! Wer richtig Hunger hat, dem kann die Essensausgabe auch nicht schnell genug gehen!
Kaffee, Mineralwasser, Cola etc. gibt es für wenige Cents zu kaufen.
Wer in der Notübernachtung schlafen will, muss sich dann auf eine Wartebank setzen, ebenso wer medizinische Hilfe braucht. Das Schlafhaus befindet sich in einem Nebengebäude.
Dort werden die Obdachlosen per Computer erfasst, damit es gerecht zugeht. Zweimal pro Woche bekommen sie frische Socken und Unterwäsche. Jeden Tag gibt es neue warme Kleidung bei Bedarf (wenn zerrissen, verdreckt, verblutet oder gar nicht vorhanden), 1 Handtuch zum Duschen (Duschgel und Haarwaschmittel sind in den Duschräumen), Zahncreme und Rasierschaum.


In den Männerzimmern ist jeweils Platz für 12 Personen. Es gibt ein Frauenzimmer, ein Zimmer für Obdachlose mit Hunden und ein Krankenzimmer, insgesamt Platz für ca 60 Personen. Geschlafen wird auf dem Boden auf Isomatten mit bezogenen Decken. Kranke bekommen nach ärztlicher Anweisung mehr Decken.
Jeweils ein engagierter Arzt oder eine Krankenschwester bieten 4 mal die Woche medizinische Hilfe an, dazu gehören auch Untersuchungen auf Krätze und Kleiderläuse, die dann von Mitarbeitern behandelt werden! Die Kleidung von den Betroffenen wird verbrannt!


Immer wieder wird auch der Rettungswagen benötigt oder die Polizei. Es gibt auch Todesfälle.
Viele Gäste wollen nicht in das Schlafhaus oder es ist schon voll belegt. Sie vertreiben sich dann die Nacht im Speisesaal, oft schlafen bis zu 30 Personen auf Stühlen und Bänken an den Tischen oder einfach irgendwo auf dem Boden. Das Geschnarche ist groß, oft direkt nach der Essensausgabe!!! Besonders den alkoholisierten Obdachlosen macht es nichts aus, wenn geredet, gesungen oder geschimpft wird, der Lärmpegel nimmt dann im Laufe der Nacht ab. Man merkt dann auch wer schon länger auf der Straße lebt und wer nicht. Die Raucher haben einen extra Raum. Oft wird auch das Schachspiel verlangt und dann sieht man zwischen den Schnarchenden und Schlafenden Schachspieler ganz ver-tieft und konzentriert.
Alkohol ist ein großes Problem, manche Gäste sind jeden Abend total zu! Manche sind trotzdem friedlich, andere eher aggressiv. Die Stimmung im Saal kann sich schnell ändern und eskalieren und es braucht oft viel Geschick bei den Gesprächen, manchmal muss auch ein Hausverbot ausgesprochen werden.
Die meisten Obdachlosen sind Männer, aber es gibt auch Frauen oder mal Paare. Neben den Deutschen gibt es immer mehr Polen und Russen und Rumänen und ab und zu Gäste aus anderen Ländern, das verursacht oft auch Probleme.
Es sind immer 1-2 Mitarbeiter im Saal, die sich zu den Gästen setzen, ihnen zuhören und sich mit ihnen unterhalten. Da hört man oft viel Leid und Elend! Man kann auch auf die Möglichkeit eines Gespräches mit einem Sozialarbeiter hinweisen und über Hilfsangebote der Stadtmission (z. B. Übergangswohnheim) informieren. Wichtig ist, dass die Gäste merken man nimmt sie und ihre Probleme ernst. Es gibt Chancen von der Straße weg zu kommen und neu zu beginnen!

Natürlich gibt es auch Obdachlose, die diese Angebote gar nicht möchten oder gar nicht mehr probieren wollen. Viele haben sich schon total aufgegeben, auch junge Menschen. In den Gesprächen wird einem immer wieder bewusst, wie schnell man auf der Straße landen kann !
Auch an der Essenstheke kommt es immer wieder zu Gesprächen und sehr unterschiedlichen Begegnungen. Der Umgangston ist oft rau, manchmal auch verletzend und gewöhnungsbedürftig, aber mit der Zeit weiß man, wie man die einzelnen Obdachlosen ansprechen kann und es wird auch viel gelacht. Während des Tages in der Stadt oder am Hauptbahnhof erlebt man immer wieder, dass man von Obdachlosen wie alte Bekannte angesprochen wird und die andern Mitmenschen etwas irritiert schauen.

Die ganze Nacht ist Betrieb, der Kältebus fährt je nach Temperatur bis morgens um 3.00 Uhr und bringt dann oft auch noch Gäste. Morgens gibt es ein Frühstück und um 8.00 Uhr müssen alle die Notübernachtung ver-lassen.

Ehrenamtliche und andere Mitarbeiter
Man kann sich vorstellen, dass viel organisiert werden muss und bei vielen Helfenden ist das auch nicht immer einfach. Neben den Festangestellten der Stadtmission gibt es FSJler, (freiwilliges soziales Jahr) Bufdis, (Bundesfreiwilligendienst), und über die Wintersaison verteilt viele Ehrenamtliche. Vater mit Sohn, Mutter mit Tochter, Schüler, Erwachsene aus allen Berufen und Gesellschaftsschichten und fast alle packen mit an. Jeden Abend gibt es einen hauptverantwortlichen Mitarbeiter, der die Leute einteilt zu den verschiedenen Arbeitsgebieten (Küche Essensausgabe, Geschirrspülmaschine, Kleiderkammer, Türdienst, Schlaf-haus etc.) und Arbeitsschichten. Man kann auch Wünsche angeben. Es wird viel Essen angeliefert oder geholt und es braucht viel Organisation in Küche und Essenslager. Über die Feiertage gab es oft ganz tolles Essen, das z. T. direkt von den Hotels und Bäckereien geliefert wurde, u. a. von Adlon. Kempinski, Kamps etc.!

Von 19.00 bis 20.30 Uhr werden Tische und Bänke gestellt, Lebensmittel sortiert, geschnitten, geschnippelt, gekocht, gewärmt und zum Schöpfen vorbereitet. Dies findet auch immer wieder während des Abends statt, da ja immer wieder neue Gäste kommen. Pro Nacht werden meistens ca 120 Gäste verköstigt. Für den Kältebus werden Essensportionen (z. B. Ku-chen-Gebäck) vorgerichtet sowie Tee und Kaffee mit viel Zucker in Thermoskannen abgefüllt, die dann nachts auf den Straßen gebraucht werden. Während der Arbeit lernt man sich gegenseitig kennen, man erzählt und lacht und es gibt einfach schöne Begegnungen! So wie mit Edith (eine ältere Hauswirtschafterin, die viele Jahre den Küchenbereich einer großen Klinik geleitet hat und von der man viel lernen kann und die schon die 2. Saison in Berlin hilft). Mit ihr habe ich hauptsächlich im Essensausgaben-Bereich und in der Küche gearbeitet , meine Mitbewohner, Tobias und Johannes, ein Arzt und sein Sohn( Schüler ) haben kräftig mit angepackt! Aber ich war auch im Schlafhaus eingesetzt mit anderen Mitarbeitern die schon einige Jahre bei der Kältehilfe sind.

Um 20.30 Uhr gab es die sogenannte Mitarbeiterandacht. Etwas andere Adventsgeschichten wurden vorgelesen, auch erzählte ein Mitarbeiter, der früher selbst drogensüchtig und alkoholabhängig war und auf der Straße lebte, von seinem Leben. Zum Schluss wurde gebetet und der kommende Abend mitsamt den Gästen (Obdachlosen) und Mitarbeitern Gott anbefohlen.

Und dann geht es los! Die Gäste kommen!
Diese Schicht geht bis ca 1.30 - 2.00 Uhr und man weiß, was man geschafft hat! Aber es macht Spaß, auch wenn vieles gewöh-nungsbedürftig ist!

Der Kältebus
Vom 1. November bis 31. März sucht das Kältebus-Team nach Obdachlosen, die Hilfe brauchen. Die Mitarbeiter wissen, an welchen Plätzen in Berlin sich Menschen aufhalten, die kein Dach über dem Kopf haben! Sie suchen Wohnungslose regelmäßig in ihren Unterschlüpfen auf, bieten ihre Hilfe, einen heißen Tee oder Kaffee oder einen warmen Schlafsack an. Falls sie es wünschen, bringt man sie mit dem Bus in eine sicher Notunterkunft.
Ich werde meine Nacht mit dem Kältebus nicht vergessen!
Aus der 3. Welt bin ich durch meine Einsätze als Krankenschwester in Kriegsgebieten, Flüchtlingslagern und Katastrophen-Ländern einiges gewöhnt, aber das so was in Deutschland vor unseren Augen möglich ist, schockiert doch!
Menschen schlafen und wohnen in Löchern, unter Laubhaufen und Brücken (und da oft hoch oben im Brückenbogengestänge), verlassenen Ruinen und Steinbänken in einsamen Parks, aber auch mitten in der Stadt an belebten Straßen in Hauseingängen, Bankschaltern, Bahnhöfen etc.!
Und es gibt immer wieder Menschen, die in all dem Dreck und Elend versuchen, sich und ihre Kleidung sauber zu halten, ihre Menschenwürde zu behalten und ihren Stolz zu überwinden und Hilfsangebote an-zunehmen.

Immer wieder klingelt im Kältebus das Mobiltelefon.
Polizeiposten informieren uns über Obdachlose, die Hilfe brauchen und abgeholt werden sollen, Ärzte bitten uns in ein Krankenhaus, wo ein Verletzter behandelt wurde, aber nicht stationär aufgenommen wird und eine sichere Bleibe für die Nacht braucht. Privatpersonen rufen an und ge-ben uns Informationen über einen Wohnungslosen, der offenbar auf der Straße liegt und Hilfe braucht. All diesen Informationen geht man soweit möglich nach und manchmal hat man den Bus voll mit Gästen für unsere Notunterkunft oder andere in der Nähe liegenden Übernachtungsmöglich-keiten. So war es ganz gut, dass wir in der ersten Hälfte der Nacht zu viert waren, weil immer jemand beim Bus bleiben muss, wenn schon Gäste drin sind.
Ein Pressejournalist war dabei und einer muss seine Fragen beantworten, die andern zwei sind mit Fahren und Telefonieren und Dokumentieren beschäftigt. Bei den Begegnungen der Presse mit den Obdachlosen muss man sehr vorsichtig sein, diese müssen immer zu allem ihre Einwilligung geben, ohne dies gibt es kein Foto oder Interview. Und doch ist die Information der Bevölkerung wichtig und deswegen gibt es auch Spenden jeglicher Art (Essen, Kleidung, Schuhe, Hygieneartikel, Geld) für die Stadtmission, ohne die diese Arbeit nicht möglich wäre.
Und dann waren wir zwei Frauen allein mit dem Kältebus im nächtlichen Berlin unterwegs!
Eine junge Rechtsanwältin, die schon die 4. Saison mit dem Kältebus fährt und ganz professionell und liebevoll mit den Menschen auf der Straße umgeht und eine Krankenschwester aus dem Schwarzwald, die Weihnachten einmal anders verbringen wollte!
Und immer wieder gab es Gespräche auf der Straße, merkte ein Obdachloser, dass er nicht ganz vergessen ist und trank dankbar einen heißen Kaffee und freute sich über ein Stück Kuchen oder ein belegtes Brötchen.

Bei der Kältehilfe in Berlin wird Menschenwürde praktisch gegeben und hat Jesus nicht gesagt: Was ihr getan habt einem unter diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan!?
Wer mehr über diese Arbeit erfahren will oder sogar vielleicht einmal selber einen Einsatz mitmachen möchte, das Internet macht's möglich:

http://www.berliner-stadtmission.de/wir-in-den-medien/pressespiegel/kaeltehilfe
und
http://www.berliner-stadtmission.de/wie-wir-helfen/wohnungslosigkeit/wohnhilfen

Natürlich bin ich auch gerne bereit, Fragen zu beantworten.
Euch allen ein gutes gesundes und von Gott behütetes Neues Jahr!

ELFRIEDE WEISS
Tauschkreis Müllheim